Lebendigkeit

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26.11.2021

Tee oder Kakao?

CIMG1568 Ponferada Templerburg.jpgBeide schweigen. Carla nimmt einen Schluck aus ihrem Glas und verlässt die Kneipe. Draußen schließt sie ihre Jacke. Der Herbstwind bläst die letzten Blätter durch die Gassen. Auf dem Gehweg am Rande des Parks liegt eine Kastanie auf dem Boden. Carla bückt sich und steckt die Frucht in ihre Jackentasche.
In einem kleinen Café brennt noch Licht, Carla geht weiter. Sie wollte nur noch schweigen und nichts mehr hören. Sie hatte das Gefühl, ihr Kopf ist eine Müllhalde. Diese unzähligen Informationen, diese Flut an Texten und Bildern, die nicht endenden Gespräche. ‚Wo gibt es eine Mülldeponie für Gedanken? Wo kann ich sie abladen und einfach verrotten lassen?‘
Carla will nur noch leben. Ihre Kraft für Diskussionen oder Richtigstellungen scheint aufgebraucht.
Am Gartenzaun wartet bereits ihr rotbrauner Kater. „Na, meine Erdnuss! Wartest du schon lange auf mich?“ Sie öffnet die kleine Tür, bückt sich und streicht dem Milchbart über den Kopf. Er steigt im gleichen Tempo, wie sie die wenigen Stufen zur Haustür hinauf, wartet geduldig auf das Knarren der Scharniere und auf den Spalt, der ihm die Möglichkeit gibt vor ihr hineinzuschlüpfen.
„Raphael? Ich bin zurück.“
„Hast Du die neuesten Nachrichten schon gehört?“
„Nein. Und wenn ich ehrlich bin, interessieren sie mich auch nicht.“
Carla geht in die Küche und befüllt den Wasserkocher. „Willst du auch einen Tee?“ Anstelle einer Antwort vernimmt sie nur das bekannte Geräusch eines Nachrichtensprechers. Sie geht ins Wohnzimmer. „Möchtest du einen Tee?“
„Nein.“
Carla setzt sich auf das breite Fensterbrett, lehnt Kopf und Rücken an die Fensterfasche und schaut in die Dunkelheit. Ihr Spiegelbild schaut zurück. Es wirkt müde. „Ich fühle mich, als würde ich langsam vertrocknen, als ob das Leben aus mir entweicht. Ist das nicht ein wenig früh mit einundfünfzig? Habe ich noch die Möglichkeit, nein die Kraft etwas Neues zu beginnen?“
Sie trinkt ihren Tee nicht aus. „Ich mag ihn doch überhaupt nicht. Warum trinke ich ihn dann?“ Carla geht in die Küche und kocht sich einen Kakao. Der Tee landet in der Spüle, die Tasse im Geschirrspüler.
Die schlanke Frau mit den rotbraunen Haaren geht ins obere Stockwerk, setzt sich an den Schreibtisch und lässt den Rechner hochfahren. An diesem Tag öffnet sie nur ein leeres Dokument, tippt Worte, löscht sie wieder, tippt und löscht sie erneut. Carla greift nach Papier und Stiften, erstellt eine Liste, streicht und notiert.
„Ich gebe ins Bett. Gute Nacht.“ Raphael schaut für einen kurzen Moment ins Zimmer, schaut sie nicht direkt an und verschwindet hinter der Wand in Richtung Schlafzimmer.
Carla sitzt weiterhin vor ihrem weißen virtuellen Blatt. Lange. Stunden lang. Bis sie einsieht, dass ihr nichts einfällt. Sie geht hinunter ins Wohnzimmer, legt sich auf die Couch, ein Kissen unter ihren Kopf und mummelt sich in die bunte Wolldecke ein, die dort immer bereitliegt.
Sie erwacht erst, als aus der Küche Geräusche von klapperndem Geschirr und Besteck zu ihr dringen. Ihre Augen lassen sich nur sehr schwer öffnen und durch den Spalt, durch den sie endlich schauen kann, stößt schmerzendes Licht in sie hinein. Schneller, als sie ihre Augen geöffnet hatte, schließt sie beide wieder. Beim nächsten Versuch sie zu öffnen, erhascht sie einen Blick auf die Uhr. Es ist bereits nach neun. Ein Schreck fährt ihr erst über den Rücken dann durch sämtliche Glieder, bis in ihre Zehen- und Fingerspitzen.

Fortsetzung folgt…

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Herzlichst Hermine

Hermine - 14:26:50 @ Eine alte Welt zerfällt | Kommentar hinzufügen